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Baby schreien lassen oder nicht? Was die „Tipps von früher“ falsch machen und was Bindung braucht

Geprüft am 10.10.2026Lesezeit 4 Minuten5 Quellen
Inhalt dieser Seite
  1. Woher die Tipps von früher kommen
  2. Warum Schreienlassen bei Säuglingen nicht funktioniert
  3. Urvertrauen: Was das Baby wirklich lernt
  4. Und „Ferbern“, „Jedes Kind kann schlafen lernen“?
  5. Was stattdessen geht: Schlafbegleitung ab dem zweiten Halbjahr
  6. Die eine Ausnahme: Wenn ihr nicht mehr könnt
  7. Häufige Fragen

Wenn eure Nerven blank liegen: Baby sicher ablegen, Raum verlassen, durchatmen – Elterntelefon 0800 111 0 550. Warnzeichen wie Fieber unter drei Monaten, Atemnot oder Trinkverweigerung: Warnzeichen-Check, im Notfall 112.

Das Wichtigste in Kürze

  • Säuglinge können nicht allein aus einem Erregungszustand heraus – schreien lassen lehrt sie nichts, es stresst nur. Das sagen BZgA und AWMF-Leitlinie.
  • „Schreien stärkt die Lungen“, „sonst verwöhnt ihr es“, „es manipuliert euch“ – das sind Sätze aus Erziehungsratgebern der NS-Zeit und Nachkriegszeit, die bis heute weitergegeben werden.
  • Babys, die schnell getröstet werden, schreien im zweiten Halbjahr weniger, nicht mehr.
  • Urvertrauen entsteht aus verlässlicher Antwort: Das Baby lernt, dass Not beantwortet wird. Das ist die Grundlage für spätere Selbstständigkeit.
  • Ab dem zweiten Halbjahr ist sanfte Schlafbegleitung möglich – ihr bleibt da und reduziert die Hilfe schrittweise. Das ist etwas anderes als Schreienlassen.

Woher die Tipps von früher kommen

„Lass es schreien, das stärkt die Lungen.“ „Wenn du es jedes Mal hochnimmst, tanzt es dir auf der Nase herum.“ „Es muss lernen, allein zu bleiben.“ Diese Sätze kommen bis heute von Großeltern, Nachbarinnen, manchmal Hebammen – und sie haben eine Geschichte. Sie stammen aus Erziehungsratgebern der 1930er- bis 1960er-Jahre, am bekanntesten Johanna Haarers „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ (1934), das in der NS-Zeit millionenfach verbreitet und nach dem Krieg bis in die 1980er-Jahre weiterverkauft wurde. Kernbotschaft: Das Baby soll früh lernen, dass Schreien nichts bringt; Mutterliebe verwöhnt. Was dabei entstand, hat die Bindungsforschung später gemessen: Kinder, deren Signale nicht beantwortet wurden, entwickeln häufiger unsichere Bindungsmuster.

Warum Schreienlassen bei Säuglingen nicht funktioniert

  • Das Baby kann nicht, was es soll. Selbstberuhigung ist eine Fähigkeit, die im ersten Jahr erst reift. Die BZgA schreibt: In den ersten Lebensmonaten finden Babys nicht allein aus einem Erregungszustand heraus. Wer sie schreien lässt, wartet auf etwas, das neurologisch noch nicht da ist.
  • Es lernt das Falsche. Ein Baby, das irgendwann aufhört zu schreien, hat nicht „gelernt, allein zu schlafen“ – es hat gelernt, dass Rufen sinnlos ist, und gibt auf. Der Stresspegel (Cortisol) bleibt messbar hoch, auch wenn es still ist.
  • Es schreit später mehr, nicht weniger. Die BZgA: Babys, die früh rasch beruhigt werden, schreien im weiteren Verlauf meist weniger. Schnelles Trösten verwöhnt nicht.
  • Die Lungen brauchen es nicht. Schreien ist kein Training; Lungen reifen durch Wachstum und Atmen.

Urvertrauen: Was das Baby wirklich lernt

Der Begriff stammt vom Psychoanalytiker Erik Erikson: Im ersten Lebensjahr entscheidet sich, ob ein Mensch die Welt grundsätzlich als verlässlich erlebt. Die Bindungsforschung (Bowlby, Ainsworth) hat das präzisiert: Sichere Bindung entsteht nicht aus perfekten Eltern, sondern aus feinfühliger Antwort – das Baby äußert ein Bedürfnis, die Bezugsperson nimmt es wahr und reagiert angemessen, meistens. Nicht immer sofort, nicht immer richtig, aber verlässlich. Ein Baby, das das erlebt, erkundet später mutiger, trennt sich leichter und beruhigt sich schneller selbst – weil es die Beruhigung tausendfach von außen bekommen hat.

Tragen, Stillen nach Bedarf, Familienbett, Schnuller, Tragetuch – nichts davon verwöhnt. Verwöhnen setzt voraus, dass ein Kind Bedürfnisse vortäuscht; ein Säugling kann das nicht.

Und „Ferbern“, „Jedes Kind kann schlafen lernen“?

Schlaftrainings mit kontrolliertem Schreienlassen (nach Richard Ferber; in Deutschland durch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ bekannt) lassen das Kind in steigenden Abständen allein weinen. Sie „funktionieren“ in dem Sinn, dass viele Kinder nach Tagen still bleiben. Die Fachgesellschaften sehen sie kritisch: unter sechs Monaten gar nicht, danach nur, wenn überhaupt, in abgeschwächter Form mit Anwesenheit der Eltern. Die AWMF-Leitlinie zu Regulationsstörungen setzt auf Eltern-Kind-Beratung, nicht auf Trainingsprogramme. Die Stiftung Warentest rät vom Schreienlassen bei Säuglingen ab.

Was stattdessen geht: Schlafbegleitung ab dem zweiten Halbjahr

  1. Müde, nicht übermüdet ins Bett – Wachfenster einhalten (Schlafbedarf-Rechner), festes Ritual.
  2. Wach ablegen, dabei bleiben. Hand auf dem Bauch, Summen, Rauschen. Weint es, hochnehmen, beruhigen, wieder ablegen – so oft wie nötig.
  3. Hilfe schrittweise reduzieren, über Wochen: erst auf dem Arm, dann mit Hand, dann nur Stimme, dann am Bett sitzend. Das Kind weint vielleicht – aber nie allein.
  4. Nachts gleiche Hilfe wie abends, so klein wie möglich, so groß wie nötig.
  5. Rückschritte einplanen: Zahnen, Infekte, Entwicklungssprünge werfen jede Routine zurück. Danach weiter, nicht von vorn.

Ausführlich unter Durchschlafen und allein einschlafen.

Die eine Ausnahme: Wenn ihr nicht mehr könnt

Es gibt einen Moment, in dem ihr das Baby ablegen und den Raum verlassen sollt – nicht, damit es lernt, sondern damit ihr nicht die Kontrolle verliert. Ein Baby, das zwei Minuten allein im Bett weint, nimmt keinen Schaden. Ein geschütteltes Baby schon. Das ist kein Widerspruch zu allem oben: Es ist Selbstschutz, und danach kommt ihr zurück. Alles dazu unter Hilfe bei Überforderung.

Meine Mutter meinte es gut, als sie sagte, ich solle „nicht bei jedem Mucks springen“. Als ich ihr das Kapitel über Haarer gezeigt habe, war sie still – und hat später erzählt, wie sie selbst als Baby im Kinderzimmer weinen musste. Die Tipps von früher sind oft die Wunden von früher.

Häufige Fragen

Darf man ein Baby mal schreien lassen?

Zum Erziehen nein – es lernt nichts außer Aufgeben. Zum Selbstschutz ja: Wenn ihr merkt, dass die Wut kommt, legt ihr es sicher ab und verlasst zwei Minuten den Raum.

Ab wann kann ein Baby sich selbst beruhigen?

Ansätze ab etwa sechs Monaten (Daumen, Schnuller, Kuscheltuch), verlässlich erst im zweiten und dritten Lebensjahr. Bis dahin ist Beruhigung von außen die Übung dafür.

Verwöhne ich mein Baby mit Tragen und Stillen nach Bedarf?

Nein. Verwöhnen setzt vorgetäuschte Bedürfnisse voraus, dazu ist ein Säugling nicht fähig. Feinfühlig beantwortete Bedürfnisse sind die Grundlage sicherer Bindung.

Funktioniert „Jedes Kind kann schlafen lernen“?

Viele Kinder werden nach Tagen still – aber durch Aufgeben, nicht durch Lernen. Fachgesellschaften raten unter sechs Monaten ganz ab und empfehlen danach sanfte Begleitung mit Anwesenheit der Eltern.

Quellen

  1. BZgA/BIÖG kindergesundheit-info.de: Mein Baby weint nachts – soll ich es schreien lassen? – https://www.kindergesundheit-info.de/themen/faq/mein-baby-weint-nachts-soll-ich-es-schreien-lassen/ (abgerufen 10.10.2026)
  2. BZgA/BIÖG kindergesundheit-info.de: Häufigem und langem Schreien vorbeugen – https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/alltagstipps/0-12-monate/haeufigemundlangemschreienvorbeugen/ (abgerufen 10.10.2026)
  3. BZgA/BIÖG kindergesundheit-info.de: Das Schreien des Babys – https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/0-12-monate/schreien/ (abgerufen 10.10.2026)
  4. AWMF-Leitlinie 028-028: Psychische Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter (Regulationsstörungen: exzessives Schreien, Schlaf-, Fütterstörungen) – https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-028 (abgerufen 10.10.2026)
  5. Stiftung Warentest: Schreibaby – Schreien ohne Ende (Ratgeber mit Expertenrat) – https://www.test.de/Schreibaby-Schreien-ohne-Ende-4373254-0/ (abgerufen 10.10.2026)
Jana Kühnler, Mutter von zwei Kindern, Autorin der „Schreibaby-Gebrauchsanweisung“. Erstmals veröffentlicht im Mai 2016, vollständig neu geschrieben und von der Redaktion gegen die genannten Quellen geprüft am 10.10.2026. Erfahrung und Information, keine ärztliche Beratung – bei Warnzeichen in die Praxis.

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